Das gewagte Multimedia-Experiment von Welt und N24

Als am Anfang der Woche in Südafrika die Trauerfeier von Nelson Mandela stattfand, konnte man in Deutschland erleben, wie Vergangenheit und Zukunft des neuen, digitalen Journalismus aussehen. Sinnigerweise kam beides aus dem Springer-Verlag in Berlin.

Die Unterschiede hätten dabei kaum größer sein können. Während bei Bild.de schon auf der Startseite ein TV-Livestream der mehrstündigen Zeremonie angeboten wurde, behalf sich Welt.de noch mit einem handgeschriebenen „Liveticker“, der zwangsläufig dem weltweit übertragenen Geschehen stets um etliche Augenblicke hinterherhinkte (und neben ein paar Social-Media-Einsprengseln auch nichts Besonderes an Mehrwert zu bieten hatte): „Der Chor beginnt mit einem Solo“

Aber das soll ja nun alles anders werden bei der Welt. Mit der Akquise des angeschlagenen Nachrichtensenders N24 und der Verpflichtung von Stefan Aust möchte man die Marke zu nichts weniger als dem „führenden multimedialen Nachrichtenunternehmen für Qualitätsjournalismus“ etablieren. Die neue gemeinsame Redaktion produziere künftig die journalistischen Inhalte für alle digitalen Kanäle beider Marken sowie für die Printprodukte der „Welt“, ließ man stolz verlauten. Eine Extra-Abteilung unter Führung von N24-Chefredakteur Arne Teetz sei für die Bewegtbild-Herstellung der vereinigten Medienunternehmen zuständig.

Nimmt man das Marketing-Geklingel einmal weg, bleibt festzuhalten: Für Springer ist der N24-Deal ein weiterer konsequenter Schritt auf dem Weg zum voll digitalisierten Medienhaus. Man muss kritisch abwarten, was von Döpfners und Diekmanns mit viel Brustton vorgetragenen Visionen tatsächlich funktionieren und übrig bleiben wird in ein paar Jahren. Man kann 50.000 Abonnenten für das Bundesliga-Pay-Angebot auf Bild.de nach vier Monaten wenig finden oder auch nicht.

Sicher ist aber, dass ein Verlag heute nicht mehr vom Glauben an die gute alte HÖRZU, der Liebe zum gedruckten Wort an sich oder der Hoffnung auf neue Wohn-Communities leben kann. Und weil es für den Leser/User/Zuschauer/Kunden „da draußen“ mittlerweile ganz normal ist, seine tägliche Portion Journalismus auf allen möglichen Plattformen und auch in allen möglichen (Misch-)Formen zu konsumieren, gehört die multimediale Expansion zwangsläufig zu einem Businessmodell 2014 ff.

Auch wenn sich viele Druckerzeugnis-Häuser mit angeschlossener Online-Abteilung damit noch schwer tun: Bewegtbild-Berichterstattung, nicht nur im TV und nicht nur zu Fußball, Music-Awards oder Naturkatastrophen, schafft nach wie vor Reichweite, Nutzungsdauer und sozialen Gesprächsstoff wie keine andere journalistische Form. Und sicher ist, dass jenes publizistische Haus, das es schafft, seine digitalen Plattformen zu WIRKLICH multimedialen Angeboten zu machen, auch als erstes von der Attraktivität und der damit verbundenen Vermarktbarkeit ALLER modernen Medienformen profitieren wird.

Für die journalistischen Websites, die mit ihrem Übermaß an Text ja nur noch aus historischen Gründen so aussehen wie eine herkömmliche(nur etwas anders aufgerissene) Zeitung, bedeutet das eine radikale konzeptionelle Veränderung, die erst ganz am Anfang steht. Der Videoplayer in der Seitenspalte ist jedenfalls nicht die Endstufe.

Und für die neue, multimediale Springer-Welt wird es jetzt wichtig sein, den Kollegen von N24 jetzt nicht die komplette Hoheit über die bewegten Bilder auf den gemeinsamen Kanälen zu überlassen. Nicht nur weil, wie Thomas Knüwer durchaus richtig bemerkt, der Nachrichtensender bisher nicht in die Hall-of-Fame des TV-Journalismus gedrängt hat. Nicht nur, weil traditionelle TV-Manager (nicht allein bei N24) gerne immer noch mit Aufwänden und Produktionsbudgets operieren, die im Digitalen nicht in Ansätzen finanzierbar (und meist auch nicht notwendig) sind.

Sondern auch weil, und man kann es nicht oft genug betonen, Bewegtbild für das Netz einfach anderen Gesetzen folgen muss, als in den 80 Jahren seines bisherigen TV-Lebens. Das fängt bei Kamera-Blickwinkeln und Bildausschnitten an und hört bei User-Integration und Scripten auf. Der Boom der neuen, ultrakurzen Newsvideos ist einer von vielen Belegen dafür, dass ein „Weiter so“ für die Zukunft des Mediums Bewegtbild eher mit einem „Bloß nicht“ beantwortet werden muss. Oft genug aber in den vergangenen Jahren sind Kooperationen zwischen TV-Sendern und Verlagen an dieser Altbackenheit (und mitunter auch Überheblichkeit) der Einen und der Unerfahrenheit der Anderen gescheitert.

Immerhin: Mit Martin Heller als gerade erst ernannten Videochef hat die Welt-Gruppe einen erfahrenen WebTV-Macher an Bord, der das alles ebenfalls ganz genau weiß. Mal schauen, wer sich im neuen Super-Newsroom der Welt durchsetzen wird. Und ob beide Seiten wirklich dazulernen wollen. Für die Zukunft des multimedialen Journalismus wird der Ausgang dieses gewagten Experiments nicht unwichtig sein.

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